Aus dem Leben eines Erotomanen

 

Ein Besuch bei Tomi Ungerer

Auf den ersten Blick ist dieser Ort ein reines Idyll: Das Gras ist so grün, wie es nur in Irland sein kann. Schafe und Pferde grasen dort. Das Meer pulsiert kornblumenblau. Der Himmel über den Steilklippen ist eine Regenbogenfabrik. Und die Hofhunde Elvis und Onyx wedeln freudig mit ihren Schwänzen. Doch der Schein trügt. Als Tomi Ungerer vor 30 Jahren das Anwesen in der Grafschaft Cork kaufte, schlossen die Dörfler Wetten ab, wie lange er und seine Frau Yvonne es dort aushalten würden. Die Iren wussten: In dieser magischen Landschaft schleudern einen magnetische Kraftfelder unvermittelt zu Boden, werden immer wieder Menschen vom Blitz erschlagen — und bei Vollmond tauchen Wesen auf, für die es selbst im Gälischen keine Worte gibt. Der weltberühmte Cartoonist Ungerer aber beschloss: „Ich bleibe.“ Ein Superstar der Kunstszene, der auch in einem Palast wohnen könnte. Im kommenden Jahr wird Frankreich ihm und seinem Werk ein Museum in Straßburg eröffnen — er ist der einzige lebende Künstler, dem diese Ehre zuteil wird. Und trotzdem zieht Ungerer es vor, in einem Landhaus unter Geistern zu leben.
Dias_045 (2)
„Es war nicht einfach, sich mit ihnen zu arrangieren“, sagt Tomis Frau Yvonne und lächelt, „aber inzwischen fressen sie uns fast aus der Hand.“ Fast. Erst gestern fand sich der 73-Jährige bei einem Spaziergang plötzlich auf dem Rücken wieder. Selbst jetzt, beim Kaffeetrinken in der Küche, sind wir offenbar nicht allein. Die Kerze auf dem Tisch flackert und verlischt, während wir über Banshees, irische Todesfeen, und Leprechauns, bösartige Kobolde, reden. Vergeblich bemüht sich Yvonne, die Kerze anzuzünden. Ein paar Sekunden später flammt sie plötzlich wieder auf. Was ahnt schon jemand, der nicht hier lebt, von Irland?
Ungerers Arbeitseifer ist trotz angeschlagener Gesundheit ungebrochen, wie vor 20 Jahren. „Heute habe ich 15 Zeichnungen in drei Stunden gemacht“, sagt er. Strahlt. Und dreht mit seinen dürren, flinken Fingern eine Zigarette. Dann legt er sich in den Fernsehsessel und wundert sich über sich selbst. Drei Herzinfarkte, eine komplizierte Augenoperation, Bestrahlungen wegen eines Tumors. „Was ich in den letzten zwei Jahren mitgemacht habe, wünsche ich meinem größten Feind nicht. Aber die Kunstmaschine Ungerer funktioniert besser denn je.“ Mehr als 150 Bücher hat der „da Vinci der Erotik“ bislang geschrieben und illustriert. In seinem Archiv in Straßburg stapeln sich 40.000 Zeichnungen. Kreativ ist er jedoch nur, wenn er leidet: „Mein Weltschmerz und meine Zweifel sind meine größte Motivation und mein Untergang zugleich.“ Ihn treibt die Überzeugung an, dass das Böse vom Guten beeinflusst werden kann. In seinem Werk, vor allem in den Kinderbüchern, versucht er Verständnis für das Böse zu wecken: „Ich will nicht zu viel Moral vor die Füße der Kinder werfen.“ In Ungerers Welt gibt es keine Sündenböcke. Aber viele Sünden.
Als junger Mann, dem die Lehrer in seinem Zeugnis einen „perversen und subversiven Charakter“ bescheinigten, sagte Ungerer, er sei wie ein Baum: Die Wurzeln werde er im Elsass lassen, aber sein Laub über die Welt streuen.
Und so kommt es. Mit 19 geht er nach England, trampt nach Skandinavien. Er heuert bei einem Fischer an, um eine freie Passage nach Island zu bekommen. Zwei Jahre später, 1952, verpflichtet er sich bei der Fremdenlegion. Als Kamelreiter schaukelt er durch die algerische Wüste und verdurstet fast dabei.
Dias_046 (2)
In New York teilt er sich später mit einem Poltergeist ein Apartment. Wie ein Besessener sucht Ungerer nach der vollkommenen Linie für seine Zeichnungen, entwirft nebenbei Werbeplakate für Pepsi und gegen den Vietnamkrieg. Er besitzt jetzt einen Rolls-Royce mit Chauffeur. Der erbarmungslose Strich seiner Cartoons bringt ihn nach ganz oben auf die schwarze Liste des FBI. Er malt Weinbergschnecken, die Schleimspuren über die Venushügel sexbesessener Ladys ziehen, und kopulierende Frösche. Er flieht aus der Millionenstadt und verabschiedet sich unzweideutig von ihr: Die Schickeria, die ihn verhätschelte, persifliert er mit dem Skizzenbuch „The Party“ als morbiden Haufen.
Es folgen harte Jahre in Kanada. Mit der New Yorker Kunststudentin Yvonne, damals 23 Jahre alt, die er auf einer Vernissage kennen lernt, zieht er nach Nova Scotia. Eine Wildnis, in der es nur Sumpf, Steine und ein Holzhaus gibt. Die Ungerers züchten Schafe, Schweine, Ziegen. Schlachten selbst, backen ihr Brot. Und müssen mit ansehen, wie ein Nachbar nur aus Spaß seinen Bruder erschießt. Und ein anderer im Vollrausch sein Baby ins Meer wirft. An diesem Punkt emigriert der Künstler geistig in die Welt seiner Kindersehnsüchte und beginnt, Kinderbücher zu schreiben. Als Yvonne schwanger wird, suchen sie sich ein neues Zuhause: Irland.
Sein Lachen klingt rau, wenn das Gespräch auf das Thema Tod kommt. „Ich bin schon dreimal gestorben. Ich habe das Licht gesehen, das war phänomenal.“ Bei seinem letzten Herzinfarkt sei das leider nicht so gewesen. „Das war an meinem 72. Geburtstag. Ich hatte geraucht und getrunken. Der Horror. Und bis hier der Notarzt kommt …“ Er muss den Satz nicht zu Ende sprechen: Hierher kommt der Notarzt nicht. Es war Yvonne, die ihn ins Leben zurückschüttelte.
Ungerers Studio, ein surreales Kabinett, spiegelt wider, was in seinem Kopf vor sich geht. Auf dem Tisch eine ausgestopfte Klapperschlange unter einer Glasglocke. Daneben liegen zwei orientalische Gottheiten aus Elfenbein, eine davon ist an einen Marterpfahl gefesselt. Katzenköpfige Puppen lassen ihre Beine vom Bücherschrank baumeln. Eine Barbie-Puppe hängt kopfüber an der Wand. Im Regal neben der Zinnsoldatensammlung die Stiefel der Domina Domenica neben dem Unterschenkelknochen eines Mordopfers. Auf einem Stuhl thront eine Skulptur aus Glas: zwei riesige Hoden, statt des Penis ragt eine Zunge in die Höhe.
Oft fragen Besucher, wie er seine pornographischen Zeichnungen mit der Unschuld seiner Kinderbücher in Einklang bringe. Eine langweilige Frage, findet er. „Ich bin ein Pendler zwischen der heilen und der geilen Welt.“
Tatsächlich darf man Ungerers Rolle im Zusammenhang mit der sexuellen Befreiung nicht unterschätzen — immer ging er mit gutem Beispiel voran: „Ich habe alle meine erotischen Phantasien durchgespielt. Bis es mir zu viel wurde. Gott sei Dank hat meine Frau das akzeptiert.“ Erotik, wie er sie schätze, finde heute nicht mehr statt, sagt er. Denn die lebe nur im Zusammenspiel mit Tabus: „SM und andere Finessen, die man früher nur in der Herbertstraße ausleben konnte, machen die Leute heute zu Hause.
Dias_047 (2)
Für sich selbst kennt Ungerer keine Tabus: „Onanieren ist das Beste, was es gibt. Du bekommst keine Geschlechtskrankheiten, hast keine verrückten Frauen am Hals und kannst dir alles vorstellen.“ Vor seiner Augenoperation, bei der die Chance, die Sehkraft nicht zu verlieren, bei fünf Prozent lag, sagte er, dass ihm im Falle einer Erblindung immer noch die Selbstbefriedigung bliebe. „Selbstbefriedigung ist ein tolles Wort, nicht so obszön wie Wichsen“, sagt er und lacht. „Aber das ist auch ein starkes Wort. Wichsen sagt man auf dem Land, Selbstbefriedigung in der Stadt und Onanie in der Kirche.“ Der Mann besitzt den Einfallsreichtum eines zu Tode gelangweilten Siebenjährigen, was seiner Kinderliteratur zu großem Erfolg verhalf.
Zur Tea-Time öffnet der Künstler eine Flasche Château Pape Clément 2001: sein — von den Ärzten streng verbotenes — Allheilmittel. Wie auf ein geheimes Kommando schleichen die Hofhunde ins Studio und legen sich zu ihm. Er nimmt einen großen Schluck und gesteht, dass er heimwehkrank wird, wenn er ein paar Tage nicht in Irland ist. Dann schlägt er eine Decke über die Beine und erklärt sich selbst: „Ich bin ein Künstler. Ich mag meinen Amboss. Ich mag meine Drehbank. Ich mag meine Werkzeuge, meinen Bleistift, mein Papier.“ Und fügt hinzu: „Ich mag keine Pädagogen. Keine Architekten. Keine Psychiater. Keine Fotografen. Und keine Opernliebhaber.“
Dias_057 (2)
Was ihn von solchen „Universitätsgurken mit 80 Prozent Wasserinhalt“ unterscheide, sei die Fähigkeit, einen Nagel gerade in die Wand schlagen zu können. „Der Mensch denkt nicht nur mit dem Kopf“, sagt er.
Seine Kindheitstraumata haben seinen Weg mitbestimmt. Sein Vater, ebenfalls ein hervorragender Zeichner und berühmter Straßburger Uhrmacher, starb, als Tomi drei Jahre alt war. Fünf Jahre später bestaunt die puritanisch erzogene Halbwaise die deutsche Wehrmacht, die singend durch die Straßen zieht. Als ob der Einmarsch der Truppen ein festlicher Umzug wäre, den man nur zu seinem Vergnügen veranstaltet. Damals findet er unfreiwillig seinen Stil, seine Technik: „Goebbels hat mir eine Gehirnwäsche verpasst. Seitdem habe ich ein Faible für Schlagworte, Marschlieder und Plakate. Wenn ich etwas schreibe, zeichne oder sage, dann muss es jeder auf der Straße verstehen.“
Trotz zahlreicher Ehrungen — unter anderem bekam er das Bundesverdienstkreuz und die Ehrendoktorwürde der Uni Karlsruhe — zweifelt Ungerer permanent an sich und seinem Werk. Man muss ihm zehnmal sagen, dass eine Zeichnung oder ein Buch gelungen ist. Er glaubt es lange nicht. Immer hat er Angst. „Ich bin ängstlich geboren. Dann kein Vater, und dazu der Krieg. Aber diese Unsicherheit ist mein Betriebsstoff.“ Sein Erfolg ist eine angenehme Begleiterscheinung — ansonsten helfe er gar nichts. Deshalb nimmt er ihn auch nicht besonders ernst. Aber natürlich: „Jeder Künstler“, sagt Ungerer, „braucht sein Ego. Ich auch.“
Dias_008 (2)
Advertisements

Über Franz Michael Braunschläger

Publisher, Writer, Photographer
Dieser Beitrag wurde unter Und sonst noch . . . veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s