Interview Tomi Ungerer

„In meiner Welt gibt es keine Sündenböcke.“

West Cork, Irland. Das Gras ist so grün, wie es nur in Irland sein kann. Das Meer pulsiert kornblumenblau. Die Hofhunde wedeln freudig mit ihren Schwänzen. „Willkommen am Arsch der Welt“, sagt Tomi Ungerer und bittet in sein Studio.

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Herr Ungerer, wenn man den Leuten im Dorf Glauben schenkt, leben Sie in einer magischen Landschaft, in der seltsame Wesen aus der irischen „Anderswelt“ hausen, für die es selbst im Gälischen keine Worte gibt.

Tomi Ungerer: Das stimmt. Es war nicht einfach, sich mit ihnen zu arrangieren. Inzwischen fressen sie uns fast aus der Hand, aber erst gestern bei einem Spaziergang haben sie wieder zugeschlagen. (lacht)

Das müssen Sie konkreter erklären.

Ich hatte meine Post geholt, stand mitten auf der Weide und blickte auf den Ozean. Plötzlich fand ich mich auf dem Rücken wieder. Es ist ein Gefühl, als ob einem jemand den Teppich unter den Füßen wegzieht. Aber das ist nichts im Vergleich zu meinen alltäglichen Unfällen. Letzte Woche bin ich zweimal innerhalb von 24 Stunden die Treppe runtergefallen. Als ich einmal den damaligen Bundeskanzler Schroder in Straßburg traf, knallte ich mit dem Kopf gegen eine Glastür. Ich bin erst wieder aus der Ohnmacht erwacht, als die Bodyguards mit Eis aus dem Champagnerkübel anrückten.

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Glauben Sie an Zufälle?

Zufälle oder nicht, ich bin Existenzialist und glaube an das Zweifeln. Meine Devise ist: Don‘t hope – cope. Also: Hoffe nicht, sondern stell dich der Herausforderung und reagiere. Wenn ich nur an diese Erscheinungen denke . . .

Was für Erscheinungen?

Der Poltergeist in New York. Und die Feen und Kobolde hier in Irland. Ich habe ja Dinge erlebt . . . Für mich ist deshalb alles möglich. Ich meine: Wieso müssen wir Menschen immer so arrogant sein? Wir müssen nicht unbedingt wissen, was da auf der anderen Seite steht. Ich war auch bereits dreimal tot, also im Koma.

Was haben Sie gesehen?

Ich habe dieses Licht gesehen. Es ist phänomenal. Ich hatte die besten Momente meines Lebens, als ich tot war. Zumindest zwei Mal war es so. Nach dem Herzinfarkt nicht – da hat mich Yvonne, meine Frau, ins Leben zurückgeschüttelt, und das war nicht lustig. Das war eine ganz andere Erfahrung. Ein Kampf, ein Horror. Es war an meinem Geburtstag, ich hatte geraucht und getrunken. Und bis hier der Notarzt kommt, dauert es eben. Immerhin, man lernt viel durch Unfälle. Aber man kann nichts beweisen, man kann nur interpretieren und versuchen, die Meldung, die dahinter steckt, zu lesen.

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Ihnen muss einiges mitgeteilt worden sein – bei dem, was Sie in den letzten Jahren durchgemacht haben.

Im Ernst, was ich in den letzten Jahren mitgemacht habe, wünsche ich meinem größten Feind nicht: Drei Herzinfarkte, eine komplizierte Augenoperation, eine Gürtelrose. Und vor allem die Bestrahlungen wegen eines Tumors. Aber ich habe mir gesagt: Tomi, nimm den Tumor mit Humor. Und in der Tat: So wie in den letzten Monaten habe ich mich noch nie gefühlt. Das kleinste Stück Brot, alles was zu mir kommt, bereitet mir unendliche Freude. Das habe ich mit all meinen Obsessionen in meinem Leben nie erreicht.

Was hätte es für Sie bedeutet, das Augenlicht völlig zu verlieren?

Dann hätte ich immer noch kneten können. (lacht)

Ihr Vater war ein begnadeter Zeichner, Ihre beiden Söhne machen sich gerade als Künstler einen Namen – vererbt sich Talent?

Kann sein. (überlegt) Ich habe zwar früh erkannt, dass ich Talent zum Zeichnen besitze, aber ich frage mich noch heute: Wieso bin ich mit diesem Talent geboren? Wieso ist aus mir so ein anerkannter Mensch geworden? Ich kann das nicht erklären. Allen jungen Zeichnern und Künstlern, die zu mir kommen und Rat suchen, sage ich immer: Besucht keine Schule. Es dauert nur länger und man kann seinen eigenen Stil nur schwer entwickeln.

Was raten Sie stattdessen?

Das Wichtigste ist, dass man Disziplin entwickelt. Mein Erfolgsgeheimnis ist mein Lebensdreieck: Ein Eck steht für die Disziplin, eines für die Begeisterung und eines für den Pragmatismus. Ich habe mein ganzes Leben gebraucht, um so eine kurze Formel zu entwickeln. Heute morgen habe ich zum Beispiel sechs Zeichnungen in drei  Stunden geschafft, wie die alte Kunstmaschine Ungerer. Andererseits ist es mit meinen Ideen fast wie mit einer Tyrannei: Ich leide darunter. Die Ideen kommen immer, jeden Tag. Und sie müssen raus, egal wie. Wenn ich sie nicht äußern kann, stehe ich total unter Druck.

Üben Sie das Zeichnen noch?                                                              

Jeden Tag. Gras, ein Stein, die leichteste Sache muss hundert Mal geübt werden.

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Wie würden Sie sich selbst erklären?

Ich bin ein Künstler. Ich mag meinen Amboss. Ich mag meine Drehbank. Ich mag meine Werkzeuge, meinen Bleistift, mein Papier. Was ich nicht mag, sind Architekten, Psychiater, Fotografen und Opernliebhaber. (lacht)

Sie haben bis heute mehr als 150 Bücher geschrieben und illustriert. Dabei stehen Bilder aus dem Hamburger Prostituiertenmilieu neben unschuldigen Kinderbuchzeichnungen. Wie bringen Sie das in Einklang?

Ich bin ein Pendler zwischen der heilen und der geilen Welt. Überhaupt das Pendeln – als Elsässer bin ich damit aufgewachsen. Einmal deutsch, einmal französisch. Oder das Pendeln zwischen dem Schreiben und dem Zeichnen. Ich schreibe, was ich zeichne, und ich zeichne, was ich schreibe. Aber auch das Pendeln zwischen Leben und Tod. Ich habe keine Abscheu und Furcht vor dem Tod. Der Tod ist nur schlimm für die Hinterbliebenen.

Ihr Studio ist gespickt mit erotischen Objekten.

Ah, gut. (seufzt) Jetzt kommen wir zum größten Sujet, das es gibt: Frauen und Erotik. Dazu möchte ich eigentlich gar nicht mehr viel sagen, aber meine Rolle in der sexuellen Befreiung ist schon wichtig. Ich habe alle meine erotischen Phantasien durchgespielt – bis es mir zu viel wurde. Gott sei Dank hat meine Frau das immer akzeptiert. Für mich war das immer eines der größten Komplimente, wenn ein 13-Jähriger zu mir kam und sagte, dass er sich das „Kamasutra der Frösche“ von seinem Taschengeld zusammengespart hat. Ich habe sogar die prüden Elsässer auf den Pfad der Erotik geführt. Aber die sexuelle Revolution ist durch und fertig. Erotik, wie ich sie schatze, findet heute nicht mehr statt.

Warum nicht?

Sie lebt nur im Zusammenspiel mit Tabus. SM und andere Finessen, die man früher nur in der Herbertstraße ausleben konnte, machen die Leute heute zu Hause.

Die „New York Times“ hat Sie als einen der brillantesten Zeichner der Epoche gefeiert. Was bedeutet Ihnen Ihr künstlerischer Erfolg?

Der Erfolg ist der rote Faden. Er bringt die Notwendigkeit mit sich, zu schreiben, zu zeichnen und sich einzumischen. Er hilft gar nichts, aber er ist eine angenehme Begleiterscheinung. Deshalb nehme ich ihn auch nicht besonders ernst. Andererseits braucht jeder Künstler sein Ego, auch ich. Schlimm ist nur mein furchtbarer Minderwertigkeitskomplex. Ich zweifle permanent an mir und meinem Werk. Man muss mir zehnmal sagen, dass eine Zeichnung oder ein Buch gelungen ist. Ich habe immer Angst, ich bin ängstlich geboren. Ich habe meinen Vater verloren, als ich drei Jahre alt war. Aber diese Unsicherheit ist mein Betriebsstoff. Kreativ bin ich nur, wenn ich leide. Mein Weltschmerz und meine Zweifel sind meine größte Motivation und mein Untergang zugleich.

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Zur Person

Jean Thomas Ungerer wurde 1931 in Straßburg geboren. Sein Vater starb, als Tomi drei Jahre alt war. Ungerer leistete seinen Militärdienst beim französischen Kamelcorps, danach begann er eine Ausbildung an der Ecole Municipale des Arts Décoratifs in Straßburg, wo er nach einigen Monaten höflichst gebeten wurde, wieder zu gehen. 1956 reiste er nach Amerika, suchte nach der vollkommenen Linie für seine Zeichnungen und entwarf Werbeplakate für Pepsi und gegen den Vietnam-Krieg. Seine Cartoons brachten ihn auf die schwarze Liste des FBI. Anfang der 70er Jahre ließ er sich mit seiner Frau Yvonne auf einer Farm im kanadischen Neuschottland nieder, mittlerweile lebt die Familie in Irland.

Ungerers Kunst

Tomi Ungerer gilt als brillantester Zeichner der Epoche. Über 150 Bücher hat der „da Vinci der Erotik“ bislang geschrieben und illustriert; in seinem Archiv in Straßburg stapeln sich 40.000 Zeichnungen. Sein Hauptthema ist der Kampf gegen Voreingenommenheit und Heuchelei, wobei er sich verschiedenster Ausdrucksformen und Stilmittel bedient. So stehen neben seinen preisgekrönten Kinderbüchern erotische Zeichnungen, die kontrovers diskutiert werden. Sein größter Erfolg ist „Das große Liederbuch“ (1975) mit Volks- und Kinderliedern und Zeichnungen.

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Über Franz Michael Braunschläger

Publisher, Writer, Photographer
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