PFAD IN DIE TRAUMZEITWELT

Purpurrote Klippen, fischreiche Riffs, Lagerfeuer in den Dünen: Der 120 Kilometer lange Lurujarri Trail in Westaustralien schlängelt sich die Küste der Dampier Peninsula entlang und gewährt tiefe Einblicke in die Kultur der Aborigines.

Es ist verrückt: Die einen fahren Tausende von Meilen, um den Sonnenuntergang am Cable Beach bei Broome zu erleben. Sie sitzen auf Campingstühlen vor dem Allradfahrzeug, grillen, trinken Bier und schielen mit neidischen Augen auf jene Besucher, die das farbenprächtige Spektakel auf dem Rücken eines Kamels genießen. Die anderen marschieren im diffusen violetten Licht am Saum des Indischen Ozeans entlang und beeilen sich, dieses Postkartenidyll so schnell wie möglich hinter sich zu lassen.
Für die Goolarabooloo People, Hüter des schönsten Strandes von Australien, ist dieser faszinierende Ort Minyirr: Hier wurden die Aborigines von den allmächtigen Geisterwesen der Traumzeit, den Ahnen, ins Dasein gesungen. Zusammen mit Ayers Rock und dem Great Barrier Reef zählt Minyirr zu den drei bedeutendsten mythologischen Plätzen des Fünften Kontinents. Er ist auch heute noch Treffpunkt für geheimnisvolle und geheime Zeremonien. Und Land und Meer um ihn herum halten all das im Überfluss bereit, was man zum Überleben braucht.
Gestern noch war ich Tourist am Cable Beach, heute ist der feinsandige Traumstrand die erste Etappe des Marsches auf dem 130 Kilometer langen Lurujarri Trail, dem Weg der Schöpferwesen. Dem Pfad, dessen Verlauf durch Lieder und Erzählungen bestimmt wird. Dem Ort, an dem „Bugarrigarra“ herrscht, die Traumzeit.
Zusammen mit der Aborigines-Familie Roe, deren Oberhaupt Joseph als „Law keeper“ als Hüter der Gesetze, fungiert, wandle ich in den kommenden neun Tagen auf den Fußspuren der Ahnen. Mit unterwegs: eine vierzigköpfige, bunt gemischte Gruppe, die hauptsächlich aus Landschaftsarchitekturstudenten der Universität Melbourne besteht. Die Exkursion führt durch Mangrovensümpfe, wo Krabben gefangen werden, es wird mit selbst gebauten Speeren gefischt und wilder Honig gesammelt. Vor allem aber erfahren die Besucher, dass die Kultur der Aborigines von zwei Eigenschaften geprägt wird, die Weißen ziemlich fremd geworden sind: Demut und Geschicklichkeit.
Der Mond hängt wie ein überdimensionaler Pingpongball über den Dünen, als der erste Lagerplatz erreicht ist. Es ist ein angenehmer Ort: friedlich, geschützt vor dem kühlen Ostwind – und schlangenfrei. Ganz automatisch tut man das, was in den nächsten Tagen zum Ritual wird: das Lagerfeuer in Gang bringen, essen, eine Tasse Tee mit viel Milch und Zucker schlürfen, in den Swag, eine äußerst praktische Kombination aus Matratze und Schlafsack, kriechen und in den sternenklaren Himmel starren, bis die Augen zufallen.
Das rituelle Begehen des Lurujarri Trail ist eine überaus poetische Angelegenheit, folklorefrei, authentisch. Allein, weil der genaue Weg auf keiner Landkarte verzeichnet ist. Andererseits ist ein solcher Walkabout, eine solche Wanderung, zielgerichtet – der nächste Lagerplatz muss erreicht werden -, er ist durch Richtung und Geschwindigkeit reglementiert und er wird von einer besonderen Logik diktiert. Schließlich stellt jede Stelle dieser Küstenlandschaft eine heilige, von den Ahnen erschaffene Stätte dar und ist Beweis und Garant für die Allgegenwart einer harmonischen Weltordnung, für die Gültigkeit ewiger Gesetze, die das individuelle und kollektive Leben der Goolarabooloo People bis heute bestimmen.
Dabei wechseln sich Tradition und Moderne auf dem Lurujarri Trail ohne Übergang ab. Da sind Teresas Söhne und Enkel, die abends vor dem Küchenfahrzeug am Radio hängen und Aborigines-Stars anfeuern, die dreitausend Meilen entfernt unmögliche Tore in einem Football-Spiel schießen. Da ist Teresas Bruder, der am Lagerfeuer einen „fishing spear“ bemalt, Farbe aus roten und gelben Steinen heraus reibt, einen Pinsel aus einem Halm schält und seine Malerei erklärt – und dann, versunken in seine Muster und Zeichen, anfängt, in einer fernen Sprache zu singen. Da sind die Mädchen, die ihre weiten Trainingshosen hochkrempeln, um im den Mangrovenwäldern Stachelrochen zu jagen. Und da ist Joseph, der alle Fragen nur noch mit einem geheimnisvollen Lächeln beantwortet – ob und wann man Wissen vermittelt bekommt, ist in seiner Welt abhängig vom Geschlecht, der verwandtschaftlichen Beziehung und der Hautfarbe.
Dass Walkabout immer auch Spaß und Energie schöpfen bedeutet, zeigt sich in Barred Creek, einer schmalen, türkisfarbenen Bucht. Während die Männer „spanish flugs“, rötliche Fische mit gelben Streifen, Barramundis und Engelbarsche harpunieren, relaxen die Frauen am Strand. Die Kinder suchen „witchetty grubs“, fette Maden, die in den Wurzeln von Akazienbüschen leben, sowie anderes Buschfutter. Kurz vor Sonnenuntergang trifft man sich bei einer Tasse Tee auf den Dünen – Alkohol ist auf dem Lurujarri Trail tabu. Die Luft ist wie Samt. Der Sonnenball verfärbt sich zu einem grandiosen Orange. Und versinkt in der Timor-See, mystisch, wunderschön.
Dann steht wieder strammes Marschieren auf dem Programm, wegen der großen Hitze vor allem nachts. Tagsüber wird in ausgetrockneten Flussbetten oder auf purpurroten Klippen gerastet. Teresa und ihre Schwiegertochter Maggie singen die Gruppe in den Schlaf. Ihre Lieder handeln von Jandamurra, dem Aborigine-Rebellen, der in den 1890er-Jahren in der benachbarten Kimberley-Region für Furore sorgte, und von Vögeln hinter Gitterstäben.
Die Tage und Nächte ziehen vorbei wie die zehntausend eigenartig geformten Felsen der Klippenlandschaft: Grate, Riffe, Terrassen. Die Lurujarri-Küste ist eine wunderbare Skulptur, für die sich die Natur ein paar Millionen Jahre Zeit genommen hat. Auf den Zacken thronen die Nester von Seeadlern. Draußen, im kornblumenblauen Wasser der Timor-See, ziehen Buckelwale vorbei. Kein Haus, kein Schild, kein Handy-Empfang, keine Plastiktüte lassen erahnen, dass je ein Mensch hier gewesen ist.
Letzter Abend im Camp am Coulomb Point, das Feuer brennt. „Wir alle sind Geister“, unterbricht Joseph das Schweigen und lacht, rau und kehlig wie ein Dingo. „Wir müssen aus unseren Fehlern lernen und zusammen in die Zukunft gehen. Denn das Land und die Spiritualität sind für alle da, nicht nur für die Aborigines.“ Er macht eine Pause. „Wir können teilen.“ Danach herrscht wieder Schweigen.

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Über Franz Michael Braunschläger

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