DONEGAL TWEED

FEINSTER STOFF VOM ENDE DER WELT

Die Grafschaft Donegal ist die schönste, aber auch die wildeste Ecke Irlands. Wir besuchten Eddie Doherty, der im kleinen Straßendorf Ardara Tweeds webt, die denen, die auf den schottischen Inseln Lewis, Harris, Uist und Barra produziert werden, in nichts nachstehen. Im Gegenteil: Echte Kenner ziehen sie dem sogenannten Harris-Tweed vor – nicht zuletzt wegen ihres äußerst raffinierten Farbenspiels.

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Ardara besitzt vierzehn Pubs und eine mehr als 200 Jahre alte Tradition in der Herstellung von Tweed und Knitwear, die von Labels wie Bonners, Kennedy’s, Eddie Doherty und Molloy and Sons bewahrt wird. „Das Weben ist immer noch ein wichtiger Teil unseres kulturellen Erbes und Ardara war immer das Herz der irischen Tweed-Industrie“, sagt Eddie Doherty, „doch in den letzten 20 Jahren mussten immer mehr Hersteller aufgeben oder die Produktion in Billiglohnländer verlegen.“ Gab es noch vor ein paar Jahren einmal im Monat einen Markt in Ardara, auf dem in Heimarbeit hergestellte Kleidung verkauft wurde, ist die Zahl der Weber, die authentischen Donegal-Tweed in höchster Qualität produzieren, rapide gesunken. Dabei gehört der Schafwollstoff wieder zu den unverzichtbaren Mode-Essentials. Ende des 19. Jahrhunderts sah man ihn zum ersten Mal auf der Modebühne: als ideales Material für Damenkleidung, die praktisch sein sollte. Zum Klassiker wurde der Stoff durch Coco Chanel. In den 1950er Jahren entwarf sie ihr legendäres Kostüm als Antwort auf Christian Diors extravagante Roben aus Satin, Seid und Taft. Puristisch und zu jeder Gelegenheit passend sollte es sein, ein Standard-Ensemble für die Frau von Welt, das sich vielfältig variieren lässt. Tausendfach kopiert bestimmte das Tweedkostüm das Bild der 50er und 60er Jahre.

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Heute ist das vielfältige Gewebe wieder zurück und ein absolutes „must-have“. „Im Kontrast zu Materialen wie Samt, Flanell, Jeans oder Chiffon entfaltet sich die Wirkung der Tweed-spezifischen Musterung am besten“, sagt Eddie Doherty, dessen herrliche Stoffe sich fest und gleichzeitig unheimlich weich anfühlen. Ganz Donegal scheint in sie eingewoben: das Violett der Heide-Hügel und die tausend Grautöne der Regenwolken – sie finden sich auch zwischen Revers und Knopfloch der warmen Tweed-Sakkos und -Kostüme, vom glänzenden Schwarz des Torfs und feinen Linien frischer atlantischer Bläue, von den unzähligen Brauntönen, die sich im Winter über die Grafschaft breiten, gar nicht erst zu reden. „In der Regel verwende ich sechs Grundfarben“, sagt Doherty, „dazu kommen ebenso viele Noppenfarben.“ Das Geheimnis der Produktion bestehe darin, die feinen, charakteristischen Noppen mit den Basisfäden so zu verbinden, dass eine außergewöhnliche Einheit entstehe, fügt er an. Dieser Prozess nimmt vier bis fünf Wochen in Anspruch, denn ein echter „Donegal“ steht für allerhöchste Qualität und besticht durch seine guten Kombinationsmöglichkeiten. „Ich empfehle ihn meinen Kunden vor allem als mittelschweres Sportjackett“, sagt Dohery, „denn kein anderer Stoff verkörpert einen sportlichen Charakter in derart hohem Maße und ist dabei so facettenreich.“

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Ob Jackett, Weste, Rock oder Hose – ein Stück aus Donegal-Tweed ist mehr als Kleidung, in ihm steckt Tradition. Und jede Menge handwerkliche Geduld. Denn Geduld sei die Kardinaltugend eines Handwebers, sagt Doherty, nimmt wieder an seinem Webstuhl Platz und lässt die Schiffchen blitzschnell von rechts nach links schießen.

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Über Franz Michael Braunschläger

Publisher, Writer, Photographer
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