Chiemseewein darf nicht sein!

Exzellente Bio-Weine aus dem Chiemgau? Eine weltfremde Idee? Mitnichten.
Holger Hagen hat auf der Fraueninsel einen kleinen Weinberg angelegt. Aus der Rebsorte „Regent“ keltert der „Inselwinzer“ seit 2003 einen Rotwein, den er „Insularus“ nennt. Qualitativ kann der Chiemsee-Wein bereits jetzt mit den edlen Tropfen aus Franken oder von der Mosel mithalten. Schade nur, dass Hagen seinen Wein nicht ausschenken oder verkaufen darf.

Frauenchiemsee im Oktober. Nur noch wenige Touristen setzen mit dem Boot von Gstadt aus auf das idyllische Eiland im bayerischen Meer über. Kaum einer der Tagesgäste aus aller Herren Länder ist sich bewusst, dass dort seit ein paar Jahren ein exzellenter Bio-Rotwein namens „Insularus“ angebaut wird. Dabei hat der Weinbau im Chiemgau durchaus Tradition: rund um den Chiemsee wurden schon zur Römerzeit Reben kultiviert. Und auch im Mittelalter gab es eine blühende Weinbaukultur wie zahlreiche Orts- und Flurnamen rund um den See beweisen. Für den Westerbuchberg in der Gemeinde Übersee zum Beispiel war lange Zeit der Name „Weinberg“ gebräuchlich. Auf dessen Südseite wurde bis ins 18. Jahrhundert Wein gezogen. Laut alten Chroniken sollen die Ernten recht üppig gewesen sein. Der Flurname „Weinberg“ hat sich auch in dem Weiler Stöttham in der Nähe von Chieming erhalten. Archivmaterialien belegen, dass an dem nach Süden geneigten Hang in früheren Jahrhunderten Weinreben gepflanzt wurden. Gleiches gilt für die Hänge im Süden von Kloster Seeon.

Holger Hagen, 32, dessen Familie seit Generationen auf Frauenchiemsee lebt, hat sich vorgenommen, diese Tradition wieder aufleben zu lassen. „Die Idee ist entstanden, als ich 2002 mein Weinbau-Studium begonnen habe“, sagt Hagen, der seit 2006 das Weingut „Holger Hagen bio.wein.gut“ in der Gemeinde St. Veit am Vogau im österreichischen Weinbaugebiet Südsteiermark betreibt. „Denn wenn man Önologie studiert, möchte man natürlich sofort da, wo man zuhause ist, Wein anbauen.“ Gesagt, getan. Mit Erlaubnis seiner Eltern pflanzte er in deren Garten 99 Stöcke der neu gezüchteten, widerstandskräftigen Sorte „Regent“, die jährlich einen Ertrag von etwa 100 Kilogramm erbringen und nach klassischem Verfahren und unter Einhaltung strengster Bio-Richtlinien zu einem kräftigen, hochwertigen Rotwein namens „Insularus“ gekeltert werden.

„Leider dürfen nach den gesetzlichen Bestimmungen außerhalb offizieller Weinbaugebiete Pflanzungen nur bis zu einer Fläche von 99 Quadratmetern erfolgen“, sagt Hagen. „Außerdem darf ein so erzeugter Wein nicht vermarktet und in den Handel gebracht werden, außer das Gebiet wird von der jeweiligen Staatsregierung als sogenanntes Weinanbaugebiet ausgewiesen.“ Im „Landweinland“ rund um Regensburg und in Teilen von Mecklenburg-Vorpommern sei dies bereits geschehen, ergänzt der engagierte Weinfachmann. Für den Chiemsee werde es aber keine solche Ausnahmeregelung geben, denn laut Landwirtschaftsministerium solle den Franken keine Konkurrenz gemacht werden. „Aber ich werde nicht aufgeben und versuchen, auf politischer Ebene eine solche Ausnahmegenehmigung für das Gebiet um den Chiemsee zu erreichen.“

Bis dahin steht Hagen, dessen südsteirische Weine 2010 beim Salone del Gusto 2010 von der Organisation SlowFood mehrfach ausgezeichnet worden sind, mit seinem Fachwissen anderen „Privatwinzern“ aus dem Chiemgau zur Verfügung. Zusammen mit Hans Fritz, dem Besitzer des Stettner Sees und des umliegenden Areals, pflanzte er 2010 wiederum 99 Rebstöcke auf einem steilen Südhang über dem Gewässer, die sich gut entwickeln. Die beiden Weinfreunde betreiben die Anlage gemeinsam und teilen sich auch die Kosten. Die Wahl fiel auf die Sorte „Riesling“, die sich laut Hagen am besten eigne, da sie den Geschmack des Chiemgauer Bodens perfekt wiedergebe.
Zwar darf Hagen seinen „Insularus“ nicht in den Verkehr bringen, doch Weinfreunde können in dem von seinem Bruder Daniel betriebenen „Inselbräu“-Bräustüberl dessen südsteirische Bio-Weine probieren. Aber auch Liebhaber hausgebrauter Biere kommen dort voll auf ihre Kosten: Daniel Hagen, der an der Fachhochschule Weihenstephan Brauwesen studiert, braut im Ein-Mann-Betrieb ein ausgezeichnetes naturtrübes Weißbier, frisch und schlank im Charakter, denn „das passt am besten zu einer Hausbrauerei und ist das bayerischste aller Biere.“ Zudem bietet er ein helles, naturtrübes Zwickl an, ein unfiltriertes, untergäriges Bier, voll von wertvollen Inhaltsstoffen, dessen feinaromatische Hopfennote und kräftiger Geschmack für ein urbayrisches Biererlebnis sorgen – wie aus der guten alten Zeit eben. Last but not least hat sich der junge Bräu vom Inselbräu für das Feiern mit guten Freunden unter dem Motto „Bratl und Fassl“ etwas ganz Besonderes überlegt: Er serviert ein ganzes Bierbratl (Krustenbraten mit etwa drei Kilo Gewicht) frisch aus dem Ofen mit hausgemachten Kartoffelsalat und Semmelknödeln sowie ein 10-Liter-Fass zum Selberzapfen für bis zu zehn Personen.

 

 

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Über Franz Michael Braunschläger

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