„DIE LIEBE ZUM BULLDOG WURDE UNS IN DIE WIEGE GELEGT.“

Markus Weiß aus Zunham im Chiemgau und seine Kollegen vom 2010 gegründeten Bulldog-, Auto- und Schnauferlverein Höslwang hegen und pflegen eine mit Raritäten gespickte Oldtimer-Sammlung.

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Welcher Autofahrer kennt das nicht: vom Platz hinterm Lenkrad aus betrachtet, empfindet man Traktoren meist nur als rollende Verkehrshindernisse, die im Schritttempo lange Staus hinter sich herziehen. Doch insgeheim besitzen gerade diese alten landwirtschaftlichen Geräte einen ganz anderen, besonderen Reiz und ziehen zusehends mehr Menschen in ihren Bann. Längst haben sich blitzblank polierte Bulldog (das Wort kennt kein Plural-s) zu begehrten Liebhaberobjekten und Sammlerstücken entwickelt, die als wertvolle Oldtimer gehegt und gepflegt und meist nur zu Spazierfahrten oder Veteranentreffen aus der Scheune geholt werden. Allein in Deutschland sind insgesamt mehr als 50.000 Bulldog-Oldies unterwegs. Besonders hoch im Kurs stehen bei den Sammlern Traktoren eines Stuttgarter Unternehmens, das fast ausschließlich für seine Sportwagen bekannt ist: Porsche. Daneben sind es vor allem die Fahrzeuge von Lanz, die es den Liebhabern angetan haben. Schließlich verhalf die Firma der Gattung einst zum Durchbruch. Das erste Modell namens HL12 wurde 1921 präsentiert: Das 12 PS starke Kraftpaket besaß einen liegenden Einzylindermotor, den sogenannten Glühkopfmotor, bei dem die Zündung des eingespritzten Kraftstoffs in einer ungekühlten Kammer erfolgte.

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Die eigentümliche Form dieser Konstruktion und ihrer Schutzkappe brachte dem Schlepper den Beinamen „Bulldog“ ein, der sich nicht nur in Bayern schnell als Synonym für alle Traktoren und Schlepper einbürgerte. „Eigentlich haben wir uns immer gescheut, einen eigenen Bulldogverein zu gründen“, sagt Markus Weiß aus Zunham bei Höslwang. „Denn die gibt’s bei uns im Chiemgau schon überall.“ 2010, nach einigen Weißbieren und hitzigen Diskussionen am Stammtisch war es dann aber doch soweit: zusammen mit seinen Uralt-Freunden Sepp Darner und Hans Lauber verfasste Markus Weiß, der von sich selber sagt, dass ihm die Liebe zum Bulldog in die Wiege gelegt wurde, eine Satzung und rief den Bulldog-, Auto- und Schnauferlverein Höslwang e.V. ins Leben.

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Mittlerweile besitzt der Verein 80 Mitglieder und Raritäten, die es im Umkreis von 300 Kilometern nicht gibt. Zum Beispiel den riesengroßen grünen Deutz Deca A 110 aus Argentinien, der insgesamt nur 365 Mal gebaut wurde. „Dieses Modell gibt es nur noch drei Mal in Deutschland“, sagt Weiß, der dafür den Preis eines gehobenen Mittelklassewagens auf den Tisch legen musste. „Perfekt restauriert, so wie er sich heute präsentiert, ist er aber so gut wie unbezahlbar“, schmunzelt Weiß und fügt hinzu: „Das Besondere an den alten Fahrzeugen ist die Tatsache, dass sie zu ihrer Zeit absolute Hightech-Produkte waren. So eine innovative Maschine heute wieder im Originalzustand zu fahren, ist Faszination pur.

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Als gern gesehener Gast auf zahlreichen Bulldog- und Oldtimertreffen in ganz Deutschland – wobei neben dem Mega-Deutz von Markus Weiß vor allem der Ur-Lanz HL 12 von Hans Lauber für Aufsehen sorgt –, engagierte sich der Verein von Anfang an auch für soziale Projekte. „Derzeit restaurieren wir mit vier an Demenz erkrankten Männern aus dem Alten- und Pflegeheim Katharinen in Bad Endorf einen alten, von uns gestifteten
Hanomag-Bulldog, der im Herbst für einen guten Zweck versteigert werden soll“, sagt Weiß. „Das Erstaunliche dabei ist, dass die Patienten, die ein großes Problem damit haben, den 30 Meter langen Weg von der Werkstatt zurück ins Heim zu finden, mühelos in der Lage sind, hoch konzentriert und mit Leib und Seele an dem Hanomag zu schrauben.“

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Auf die Frage, was seine Frau zu seinem Engagement in Sachen Bulldog sagt,
verzieht Weiß keine Miene und antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Die sagt, der spinnt total, aber andererseits unterstützt sie mich zu 100 Prozent.“ So versteht sie natürlich auch, dass ihr Mann, dessen Vater Hans in den 60er Jahren mit dem Sammeln begann und alte, ausrangierte Bulldog noch „für einen Kasten Bier“ eintauschen konnte, an einem solch herrlichen Frühlingstag wie heute den Sohn auf seinem Deutz platziert und unbedingt noch kurz ins Nachbardorf fahren muss, wo schon die Kollegen zum Fachsimpeln warten. Sichtlich stolz auf sein Prachtstück lässt Weiß den 110 PS starken Motor an, biegt auf den Feldweg hinter dem Hof ein und tuckert mit einem breiten Grinsen Richtung Abendsonne, die als glutroter Riesenball hinter den Moränenhügeln des Chiemgaus verschwindet.

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Über Franz Michael Braunschläger

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