DOLCE VESPA

Reportage erschienen in der Sommerausgabe des Magazins „Alps“

http://www.alps-magazine.com

Die Wespe brummt noch, auch 70 Jahre nach ihrem ersten Auftritt. Aber schafft sie es noch über die Alpen? Die ganze Strecke vom Münchner Siegestor bis nach Pontedera? Man müsste es einfach mal ausprobieren.

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Schüchtern schiebt sich die Morgensonne als kleiner orangefarbener Ball über die Stadt und taucht die Ludwigstraße, Münchens italienisch angehauchte Prachtstraße, in ein unwirkliches mediterranes Licht. Mit einem leisen Reng-deng-deng signalisiert meine neue Liebe, dass sie bereit ist für unsere erste gemeinsame Tour. Wobei ich mir gerade gar nicht mehr so sicher bin, ob das so eine gute Idee ist mit einer 57 Jahre alten, von der Messerschmitt GmbH in Augsburg in Lizenz gefertigten Vespa 150 T4 über die Alpen nach Pontedera, dem Hauptsitz von Piaggio, zu kurven. Publikum und Fachwelt waren sich damals zwar einig darüber, dass Vespa mit der T4 einen großartigen Roller geschaffen hatte. Sehr schöner Leerlauf, konkurrenzlos leises Auspuffgeräusch auch bei höheren Drehzahlen, ein überarbeiteter Motor, der fein am Gasgriff hängt und sauber aus niedrigsten Drehzahlen hoch zieht – die T4 war die mobile Frühjahrssensation des Jahres 1959. Doch mute ich meiner wunderbaren Wespe im unverbauten Originalzustand mit dem Gewalttrip nicht zu viel zu?

Eines ist nach den ersten Kilometern auf den Landstraßen entlang des Starnberger Sees zumindest schon mal geklärt zwischen uns beiden: die damalige Höchstgeschwindigkeit von mehr als respektablen 75 km/h schafft die Signora, so will ich meine neue Freundin mal nennen, nicht mehr. Die Tachonadel klettert nur bis auf 65. Schneller muss es aber, ehrlich gesagt, auch nicht sein. Denn auch bei dieser Geschwindigkeit schwingt im lauten Schwirren und Surren ihres Zweitakt-Motors die ganze Italianità mit. Klar, damals war alles noch viel schöner, als beim Fahren die Haare im Wind wehen durften, im Säuseln der Freiheit. Das war wie Fliegen mit Sonnenbrille. Aber auch mit Helm auf dem Kopf umweht mich bereits hier, im tiefsten Oberbayern, eine Schwade des Dolce Vita. Über Seeshaupt, Iffeldorf und Aidling steche ich ins zauberhafte Blaue Land rund um Murnau, wo Kandinsky, Münter, Jawlensky und Marc Kunstgeschichte schrieben und der Dramatiker Ödön von Horváth Weltliteratur verfasste.

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Es herrscht Föhn. Der Gipfel der Zugspitze ist zum Greifen nahe. Kornblumenblau liegt der Riegsee am Rande des Murnauer Mooses und lädt zu einem kurzen Badestopp ein. Jetzt, um kurz nach 7 Uhr, habe ich den See noch ganz für mich allein. Das Kraulen im glasklaren Wasser entspannt mächtig und auch das kleine Männchen im Ohr, das mir seit einer Stunde die Alpenüberquerung ausreden möchte, schweigt plötzlich. Also gut, Signora, denke ich, dann ist die Entscheidung gefallen: Wir fahren nach Murnau, ich gönne mir zur Brotzeit noch zwei der legendären warmen Leberkässemmeln der Metzgerei Haller. Und dann rauf auf die Berge. Denkste. Ich trete den Anlasser mit dem rechten Fuß ein, zwei Mal, gebe der T4 ein wenig Luft, trete nochmal und versuche ihre Lebensgeister mit etwas Handgas am rechten Griff zu erwecken. Keine Regung. Sie will nicht anspringen. Zeigt sie jetzt plötzlich Respekt vor Fern- und Reschenpass, den Hürden des heutigen Tages?  Wie auch immer – das Schöne an den alten Vespen ist, dass selbst Neulinge wie ich nach kurzer Zeit auch zu Experten werden. Ich lege den zweiten Gang ein, bringe die Wespe ins Rollen, lasse die Kupplung langsam kommen. Das funktioniert. Sie spuckt zwar ein paar dicke blaue Rauchwolken. Aber sie läuft wieder. Man muss also kein KFZ-Mechaniker sein, um eine Vespa zum Rollen zu bringen. Ein Quentchen technisches Verständnis, ein Satz Schraubenschlüssel, eine Ersatzzündkerze und etwas Zweitaktöl als Spritzusatz reichen, um mit der unverwüstlichen Stilikone auf große Tour zu gehen. Ich ziehe die Kupplung, drehe die linke Hand nach oben, rücke den ersten Gang ein und synchronisiere den Kupplungsschluss mit dem Handgas der Rechten. Wir setzen uns in Bewegung und heben ab, als ich lässig den linken Fuß vom Boden auf das Trittblech hebe. Filmreif, würde ich sagen. Wie bei Fellini. Danke, Signora. Mit dir ist Italien überall. Zweiter, Dritter – raus aus dem Blauen Land, rein in die Alpen.

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Von Garmisch Partenkirchen aus schwinge ich mich nach Ehrwald hinauf und genieße die Fahrt über den Fernpass. Der eher sanfte Anstieg hilft beim Einstimmen in den Rhythmus der folgenden Tage. Im Gurgltal duftet es nach Heu und der Reschenpass präsentiert sich harmloser als befürchtet. Irgendwie sitze ich trotz fetter Blase am linken Daumen nun auch viel lässiger auf der T4 und schäme mich auch nicht mehr für das Dauergrinsen, das mich bei der Abfahrt hinunter ins 80 Kilometer entfernte Meran überkommt. Ein letzter kurzer Anstieg hinauf ins Villenviertel des schmucken Kurortes und das Tagesziel ist erreicht: das Meisters Hotel Irma, eine Institution in der Südtiroler Hotellerie. Seit 1924 steht der Familienbetrieb für herzlichste Gastfreundschaft und einen perfekten Service. Claudia Meister, die Junior-Chefin, kann sich ein erstauntes Lachen nicht verkneifen, als sie die Signora und meine Wenigkeit in der Hoteleinfahrt entdeckt. Ja, bestätige ich ihr, wir sind heute früh in München gestartet. Nein, sagt sie, immer noch ungläubig, und lässt nach ihrer Mutter rufen. Sind das etwa Tränen in deren Augen? „1964 habe ich eine Vespa 50 zum Geburtstag geschenkt bekommen“, verrät die Senior-Chefin und quartiert mich vom reservierten Einzelzimmer spontan ins sogenannte Baumhaus um. Das liegt in luftiger Höhe im weitläufigen Park der Hotelanlage und wird gern von Hochzeitspaaren oder Frischverliebten gebucht. Jetzt steigen mir die Tränen in die Augen. Dass es auch sonst ungemein hilft, wenn man in Italien eine alte Vespa fährt, liegt an deren Seltenheitswert. Für das Aussterben der Schönheiten sorgte ausgerechnet die italienische Regierung, die jahrelang eine rigorose Rotamazione-Politik betrieb: Sie bezahlte Besitzern alter Vespen eine Verschrottungs-Prämie von 1.000 Euro. Und das alles nur, um EU-Emissionsrichtwerte zu erfüllen. Nichtsdestotrotz sind die einfachen eleganten Linien der Kult-Roller Bestandteil der DNA der Italiener. Für die Älteren diente die Vespa als günstiges Familienfahrzeug, mit dem sie das Land nach dem zweiten Weltkrieg wieder aufbauten. Den Jüngeren war und ist sie ein günstiges Ticket in die Freiheit.

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On the road again. Kurzer Stopp in Lana, fünf Kilometer südlich von Meran, bevor es den Gampenpass hinauf und über den Mendelpass wieder hinunter Richtung Kalterer See geht. Vor einer Caféteria glänzt eine rare dunkelblaue 1972er 200 Rally mit 12,3 PS und einer Topgeschwindigkeit von 115 km/h in der Morgensonne. Marcello, der stolze Besitzer, der sein Prachtstück auch für eine Prämie von 100.000 Euro nicht verschrotten lassen würde, lädt mich zu einem schnellen Espresso ein. Mit seinen 76 Jahren fährt der ehemalige Carabinieri aus Verona noch immer regelmäßig die legendären Passstraßen Südtirols ab. Auch er will über den Gampenpass und erzählt und erzählt. Aus einem Espresso werden vier Espressi, aber klar, wir sind in Italien, da muss man das Ganze etwas relaxter angehen. Klar auch, dass jeder Italiener eine Vespa-Geschichte und jede Vespa ihre Geschichte hat. „Es gab viele Sonntage, an denen wir mit unseren Maschinen ins nächste Dorf fuhren und uns entscheiden mussten: Pizza oder Benzin“, sagt Marcello und lacht. „Gab’s Pizza, mussten wir die Vespa auf dem Heimweg eben schieben.“ Der Gampenpass verbindet das Südtiroler Etschtal mit dem Nonstal im Trentino. Bilde ich mir das nur ein oder hält sich die T4 heute wirklich besser am Berg und überdreht viel fröhlicher? Durch einige kurze Tunnels geht’s auf breiter, gleichmäßig ansteigender Straße relativ geradlinig hinauf. Der Blick auf Meran und die Texelgruppe ist grandios, dann verschluckt mich dichter Wald. Vom Pass führt die Straße hinunter nach Fondo mit der Abzweigung zu den 17 Kehren des Mendelpasses. Eine Traumabfahrt! Zwei, drei Mal auf den 1000 Höhenmetern, die es zu bewältigen gilt, gibt die Straße den Blick auf das Etschtal frei. Silbrig glänzt der Kalterer See, die Weinberge von Kaltern, Tramin und Kurtatsch präsentieren sich in einem fast surrealen Caspar-David-Friedrich-Grün.

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Rein zufällig liegt in Kaltern eines meiner Lieblingsweingüter: Manincor, dessen historische Gebäude bis ins Jahr 1608 zurück datieren. Heute ist es mit 50 Hektar Ertrag das größte Weingut Südtirols, das nur eigene Trauben verarbeitet, und besitzt mit seinem neu erbauten Weinkeller ein architektonisches Meisterstück. Das Architektenteam, bestehend aus dem Kalterer Walter Angonese und dem Innsbrucker Rainer Köberl, platzierte den Keller in Gänze in Tieflage unterhalb des Weinberges, angrenzend an den historischen Ansitz. Mehr als 3.000 Quadratmeter Fläche auf drei unterirdischen Geschossen bieten Platz für große Holzfässer, Barriquefässer, Gärbehälter, Edelstahltanks, Pressen, die Abfüllanlage und nicht zuletzt für die Flaschenlagerung der ausschließlich biodynamisch produzierten Weine. Schade, dass ich aus Platzgründen nur eine Flasche Réserve del Conte mitnehmen kann, einen rubinroten Gutswein voll Kraft und Wärme, der im Anklang so herrlich fruchtig nach kleinen Beeren, später würzig nach Lakritze, weißem und schwarzem Pfeffer schmeckt. Im Schatten der mächtigen Brenta-Gruppe cruise ich auf der Landstraße mit der Nummer 421 weiter Richtung Gardasee. Bei einem Zwischenstopp in Ponte Arche, entdecke ich wieder so ein unscheinbares Ding, das die Vespa so alltagstauglich macht: den Haken unter dem Sitz. Ein Handgriff und die Plastiktüte mit dem Wildschwein-Schinken, Genueser Brot und Oliven ist sicher verstaut.

Brotzeit mache ich an einem schmalen Sandstrand in Torbole. Die Ora bläst wie verrückt, der See ist gespickt mit Surfern. Dazwischen Ausflugsdampfer und knallbunte Plastiktretboote. 35 Grad im Schatten. Das Wasser herrlich kornblumenblau und frisch. Hochsommer in Bella Italia. Und die Signora und ich vogelfrei mittendrin. Mittlerweile habe ich mich auch daran gewöhnt, dass wir, wo wir auch landen, große Aufmerksamkeit erregen. Zum Beispiel vor der Arena in Verona, wo mir Konstantinos, der Mann im speckigen Römerkostüm, der vor großer antiker Kulisse für kleine Münze für die Touristen aus aller Herren Länder posiert, unbedingt meine geliebte Wespe abkaufen möchte. Vor Hunderten von Handy-Kameras muss ich die Signora mit einem Plastikschwert verteidigen. Oder in Genua, der Stadt mit der wohl höchsten Vespa-Dichte, wo jeder Ampelstopp zum Schaulauf mutiert. Auf ganzen 23 Selfies lächeln die T4 und ich nun mit wildfremden Genuesern um die Wette. Türkis, Azur, Kobalt, Aquamarin – das morgendliche Panorama ist ein einziger Farbenrausch in Blau. Spektakulärer kann der Tag nicht beginnen als mit einem Champagner-Frühstück im dritten Stock der Villa Rosmarino, die sich weniger als 35 Vespa-Minuten von Genua entfernt auf dem Monte Portofino befindet. Der winzige Balkon des Terrace Room wirkt wie eine Startrampe zum Aufstieg in den Himmel. Und wie ein Sprungbrett ins Meer zugleich. Ganz zu schweigen vom Blick auf das Fischerdörfchen Camogli, das in seiner Blütezeit nahezu tausend Segelschiffe besaß – doppelt so viele wie Genua. Bis zu sieben Stockwerke hoch ragen dessen 300 Jahre alten Bürgerhäuser in den Himmel und bilden ein Bollwerk in sattem Ocker, Umbra und Burgund, das noch heute den Fischern des Ortes bei Sturm den Weg zurück in den kleinen, von einer Kirche und einer Burg überragten Hafen weist. Zurück zur „casa delle mogli“, dem Haus der Ehefrau.

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Da die Signora und ich sehr viel Wert auf Noblesse legen, lassen wir uns auf dem Weg nach Süden natürlich Portofino, dieses einst so beschauliche Fischerdorf mit seinem malerischen Hafen und den romantischen Buchten, nicht entgehen. Dass sich der Ort allabendlich in einen Laufsteg der Reichen und Schönen verwandelt, tut der Pracht erstaunlicherweise keinerlei Abbruch. Im Gegenteil. Mehr denn je gilt das, was Klaus und Erika Mann über Portofino sagten: „Es ist einer der schönsten Plätze an dieser Küste – vorsichtig ausgedrückt: denn wahrscheinlich ist es wirklich der allerschönste.“ Letzte Station vor Pontedera sind die Cinque Terre. Die Häuser und Weinterrassen der fünf Dörfer Monterosso al Mare, Vernazza, Corniglia, Manarola und Riomaggiore kleben so spektakulär an den Steilhängen, dass die Unesco 1997 das bunte Quintett zum Weltkulturerbe erklärt hat. Außer Corniglia, das auf einem Felsvorsprung thront, liegen die Dörfer direkt am Meer und sind umgeben von Palmen, Pinien- und Steineichenwäldern. Am Ende einer steilen Rampe in Manarola führt die legendäre Via dell‘ Amore nach Riomaggiore. Der in den 1930er-Jahren in den Felsen gesprengte Versorgungsweg mutierte schnell zum romantischen Treffpunkt für einheimische Liebespaare. Heute spazieren dort Besucher aus aller Welt hin und her. Touristen wie ich, mit einem kleinen, aber feinen Unterschied: Im Gegensatz zu ihnen war ich auf dem Rücken der Wespe mit deren Reng-deng-deng immer automatisch im Einklang mit Land und Leuten. Ich war nie einfach nur Gast, sondern immer selbstverständlicher Teil der Szenerie.

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Über Franz Michael Braunschläger

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2 Antworten zu DOLCE VESPA

  1. Pingback: DOLCE VESPA — BLUEBALL STUDIO | Vespa Team München

  2. Deine Eindrücke und Gefühle während deiner Fahrt über die Alpen erinnern mich so sehr an unsere „Alpenüberquerung“ und ich kenne die Orte nach dem Reschenpass sehr gut, war ich doch jahrelang Ski laufen am Watles – Burgeis und 2013 mal wieder wandern in Meran/Oberplars. Aber ohne Vespa.

    Deine Fotos sind großartig und ich werde mir den Bericht noch mal zu Gemüte führen, habe ihn eben nur überflogen, weil ich grade wenig Zeit habe, aber es werden Erinnerungen wach. Wir sind insgesamt zweimal über die Alpen mit Motorrollern, einmal hatte ich aber einen Honda-Roller und der gab genau auf der Passstraße in der Schweiz den Geist auf – Werkstatt, Ärger ….. Danach kaufte ich mir eine Vespa! Herzlichen Gruß, Sigrid

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